Heute ist der 20.04.2026. Europa steht vor einer Kerosin-Krise, die den Flugverkehr massiv verändern wird. Die Abhängigkeit von Kerosin-Importen aus dem Nahen Osten ist alarmierend. Aktuelle Kerosinpreise haben die Marke von 200 Dollar pro Barrel überschritten und sich damit im Vergleich zu vor dem Krieg verdoppelt. Einige Flughäfen könnten bereits bald mit einem unmittelbaren Mangel an Kerosin konfrontiert sein. Während 2009 noch fast 100 Raffinerien in Betrieb waren, wurden mittlerweile 28 stillgelegt oder auf Biokraftstoffe umgestellt, was 16 Prozent der europäischen Raffineriekapazität ausmacht. Europa importiert rund ein Drittel seines Kerosinbedarfs, wobei 75 Prozent davon aus dem Nahen Osten stammen. Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) reicht der aktuelle Vorrat in Europa noch etwa sechs Wochen.
IEA-Direktor Fatih Birol warnt vor möglichen Flugstreichungen, insbesondere bei geschlossenen Straßen von Hormuz. Im April 2023 sind die Kerosinimporte nach Nordwesteuropa um 15 Prozent eingebrochen. Die Reisezeit von Kuwait nach Rotterdam beträgt rund 21 Tage, was bedeutet, dass Störungen sich schnell auswirken können. Auch wenn die USA als möglicher Ersatzlieferant in Betracht kommen, sind die Mengen dort ebenfalls knapp. Die US-Exporte in den Pazifikraum haben ein Sieben-Jahres-Hoch erreicht. Die Lufthansa Group hat bereits eine Reduzierung des Flugprogramms sowie eine frühere Ausmusterung von Flugzeugen angekündigt, was zu höheren Kosten für Fluggesellschaften, teureren Tickets und möglichen Ausfällen für Passagiere führen kann. Diese Situation stellt die zweite schwere Energieversorgungskrise innerhalb von vier Jahren dar, nach dem russischen Gas-Embargo 2022. Analysten sehen keine schnelle Lösung für die strukturelle Abhängigkeit von Importen, und ohne Entspannung im Nahen Osten drohen leere Flughäfen und höhere Preise im Sommer 2026.
Prognosen und Herausforderungen
Die Blockade der Straße von Hormuz aufgrund des Iran-Kriegs könnte zusätzlich zu einem Kerosinmangel führen. Energieminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) prognostiziert für Mai 2024 einen Mangel von 5 Prozent bei Diesel und 15 Prozent bei Kerosin in Europa. Die hohe Importabhängigkeit bei Kerosin wird durch die steigende Nachfrage nach Flugbenzin verschärft. Zudem nimmt die Zahl der Raffinerien in Europa ab; bis 2025 stellen vier europäische Raffinerien die Verarbeitung von Rohöl ein. Laut einer Schätzung von S&P könnte die Raffineriekapazität in Europa bis 2050 von 13 Millionen Barrel pro Tag auf unter 8 Millionen sinken. Die International Air Transport Association (IATA) warnt vor sinkenden Raffineriekapazitäten, während die Nachfrage nach Flugbenzin in den nächsten zehn Jahren weiter steigen wird.
Die EU-Sanktionen gegen Russland beeinflussen den Kerosin-Markt auch maßgeblich. Neue Sanktionen betreffen zudem Raffinerien in China, Indien und der Türkei. Raffinerien müssen entscheiden, ob sie Diesel oder Kerosin produzieren, wobei in angespannten Märkten die Dieselproduktion priorisiert wird. Europa bleibt Nettoimporteur von raffiniertem Kerosin mit einem Importanteil von 20-30 Prozent, hauptsächlich aus der Golfregion und dem asiatisch-pazifischen Raum. In diesem Zusammenhang sind die niederländischen Häfen in Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen wichtige logistische Zentren für den Import und die Verarbeitung von Rohöl und Fertigprodukten.
Regionale Auswirkungen und Versorgungslage
Das Central Europe Pipeline System (CEPS) der NATO verbindet große zivile Flughäfen wie Frankfurt, München und Zürich und erhöht die Widerstandsfähigkeit der Märkte. In Gebieten ohne CEPS-Anbindung oder wettbewerbsfähige Importterminals treten jedoch Probleme auf. Der Flughafen Mailand-Malpensa hat in der Vergangenheit bereits über Lieferengpässe berichtet und ist von zwei Raffinerien abhängig. In Österreich wird der Flughafen Wien von der OMV-Raffinerie in Schwechat via Pipeline versorgt, die einzige Raffinerie des Landes. Diese verarbeitet 2024 rund 8,1 Millionen Tonnen Rohöl, davon 37 Prozent Diesel, 22 Prozent Benzin und 11 Prozent Flugturbinenkraftstoff. Der Kerosin-Verbrauch in Wien lag 2024 bei rund 950.000 Tonnen.
Die gegenwärtige Situation erfordert dringende Maßnahmen und eine Neubewertung der Energieversorgung in Europa. Die Abhängigkeit von Kerosin-Importen könnte nicht nur den Flugverkehr, sondern auch die gesamte Transportinfrastruktur beeinflussen. Es bleibt abzuwarten, wie sich die geopolitischen Spannungen entwickeln und welche Strategien zur Sicherung der Energieversorgung ergriffen werden.