In Thailand kursiert unter Expats der Rat, keine negativen Bewertungen über Dienstleister oder Unternehmen zu schreiben, solange man sich im Land aufhält. Dieser Ratschlag hat seine Wurzeln in einem besorgniserregenden Vorfall aus dem Jahr 2020, bei dem der Amerikaner Wesley Barnes nach seiner Buchung in einem Resort auf Koh Chang mit einer Korkgeld-Gebühr von 500 Baht konfrontiert wurde. Barnes äußerte sich daraufhin negativ über das Hotel auf TripAdvisor, was schließlich zu einer Strafanzeige des Hotels führte. Nach seiner Festnahme und zwei Nächten in Haft entschuldigte sich Barnes öffentlich, und die Klage wurde zurückgezogen. Diese Geschichte wurde von internationalen Medien aufgegriffen und löste Kritik an Thailands Umgang mit Online-Bewertungen aus. TripAdvisor setzte ein rotes Warnabzeichen auf das Hotelprofil, was dem Land als Reiseziel und für digitale Nomaden erheblich schadete. In Thailand gilt Verleumdung als Straftat, die nach den Paragraphen 326 und 328 des Strafgesetzbuches verfolgt wird. Falsche Online-Aussagen können bis zu zwei Jahre Haft und Geldstrafen von bis zu 200.000 Baht nach sich ziehen. Selbst wahre Aussagen bieten keinen automatischen Schutz, da der Autor nachweisen muss, dass er im öffentlichen Interesse handelte (Quelle).
Die Folgen dieser strengen Regelungen sind erheblich: Viele Nutzer verzichten auf Bewertungen oder beschränken sich darauf, nur Sterne ohne Text zu vergeben. Diese Zurückhaltung ist nicht nur ein individuelles Problem, sondern hat auch wirtschaftliche Auswirkungen auf den Tourismus, da Thailand in einem Wettbewerb mit Ländern wie Vietnam und Malaysia steht, wo Konsumenten freier über ihre Erfahrungen berichten können. Die internationalen Schlagzeilen über verhaftete Touristen und die drohenden rechtlichen Konsequenzen schädigen den Ruf Thailands als sicheres Reiseziel erheblich. Trotz der Bemühungen des Landes, digitale Nomaden anzuziehen, könnte das aktuelle Strafrecht potenzielle Besucher abschrecken.
Rechtslage und Reformbedarf
Der Druck auf Thailand, seine kriminellen Verleumdungsgesetze zu reformieren, nimmt zu. Fälle wie der von Anwaltsjournalistin Chutima Sidasathian, die für ihre investigative Arbeit gegen die Royal Thai Navy bekannt ist, zeigen die Mängel des bestehenden Rechtsrahmens auf. Chutima, die kürzlich für den Freedom of Expression Award nominiert wurde, hat in der Vergangenheit erfolgreich gegen Anklagepunkte eines gewählten Beamten in einem Bankkreditskandal gekämpft. Ihre Bemühungen führten sogar zur Verhaftung eines Beamten wegen des Verschwindens von 100 Millionen Baht, was zeigt, dass die Aufklärung von Missständen oft nur durch hartnäckige Journalisten möglich ist (Quelle).
Chutima fordert die Abschaffung der strafrechtlichen Bestimmungen gegen Verleumdung und argumentiert, dass zivilrechtliche Klagen weiterhin möglich sind. In den letzten Jahren hat der Anstieg der Strafverfahren wegen Verleumdung um 50 % zwischen 2015 und 2020 alarmierende Ausmaße angenommen. Die Clooney Foundation for Justice fordert umfassende Reformen des thailändischen Anti-SLAPP-Systems (Strategic Lawsuit Against Public Participation), um den Missbrauch dieser Gesetze zu verhindern. Seit 2015 wurden über 25.000 Verleumdungsklagen in Thailand eingereicht, ein deutliches Zeichen für die drängende Notwendigkeit von Reformen.
Wirtschaftliche und soziale Auswirkungen
Das thailändische Verleumdungsrecht ist nicht nur ein rechtliches Problem, sondern hat auch erhebliche wirtschaftliche und soziale Auswirkungen. Es schützt das soziale Ansehen, ein Prinzip, das in der thailändischen Kultur von zentraler Bedeutung ist. Allerdings wird es zunehmend als Werkzeug missbraucht, um kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen. Juristen und Menschenrechtsaktivisten fordern eine Neudefinition des „öffentlichen Interesses“ sowie den Schutz von Konsumenten, während der Gesetzgeber bisher untätig geblieben ist (Quelle). Das Fehlen eines effektiven Mechanismus zur Streitbeilegung, bevor Rechtsstreitigkeiten eskalieren, verstärkt die Problematik.
Insgesamt zeigt der Umgang Thailands mit Verleumdungsklagen, wie wichtig die Balance zwischen dem Schutz des sozialen Ansehens und der Wahrung der Meinungsfreiheit ist. Die internationale Gemeinschaft beobachtet die Entwicklungen in Thailand genau und fordert mehr Transparenz und Reformen, um das Land als sicheren Ort für Touristen und digitale Nomaden zu positionieren. Die Herausforderungen sind groß, doch es gibt auch Hoffnung auf Veränderung.